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Bildung
 

Neuausrichtung des Bildungswesens

Rolf Weber

Zu einer anderen Gesellschaft, wie sie uns vorschwebt gehört auch eine andere Bildung. Der Umbau des Bildungssystems ist allerdings ein sehr komplexes Problem. Zum einen nimmt es viel Zeit in Anspruch. Zum anderen erfordert es viel mehr Personal, das nicht einfach so zur Verfügung steht. Zu denken ist die Bildung und Erziehung vom Kindergarten bis zur Hochschule. Das muss alles aufeinander abgestimmt werden. Bis das reibungslos zusammen passt, dürften mindestens 20 bis 30 Jahre vergehen.

Die Erziehung und Bildung im Kindergarten erfordert dort schon mehr und vor allem besseres Personal. Heute machen Mädchen, die oft in der Schule nur wenig zustandebringen, eine kurze Ausbildung einschließlich Berufsschule und sind damit ausgebildete Erzieherinnen. Die pädagogischen und psychologischen Kenntnisse, die ihnen in dieser Ausbildung vermittelt werden, können demnach nicht sehr hoch sein. Ich denke, dass hier unbedingt eine Fachhochschulausbildung anzustreben ist. Da aber mangelt es bereits an entsprechenden Studiengängen, die erst eingerichtet werden müssen. In diesen muss ein hinreichender praktischer Anteil integriert sein, so dass die Ausgebildeten anschließend sofort in der Praxis arbeiten können. Es ist auch erstrebenswert, dass Männer ebenso wie Frauen im Kindergarten arbeiten. Denn Kinder benötigen nicht nur weibliche Vorbilder, an denen sie sich orientieren können.

Basiskompetenzen, wie Lesen, Schreiben und Rechnen, die Uhrzeit kennen, kleine kulturelle Aktivitäten (Lieder, Tänze, Sketche spielen usw.) einüben, können schon in spielerischem Lernen im Kindergarten und einer diesen abschließenden Vorschule „gelehrt“ und gelernt werden. Hier muss auch schon alles getan werden, was möglich ist, damit sich die Kinder auf die Schule freuen. (Dazu muss aber auch das Klima im Elternhaus beitragen!!!) Etwas zu lernen ist für Kinder erstrebenswert. Diese Lernbereitschaft muss in der Schule beibehalten werden. (In der heutigen Schule wird sie eher zerstört.)

Der entscheidende Ausgangspunkt für das Lernen in der Schule muss die Allgemeinbildung sein. Allgemeinbildung ist Bildung für alle und zwar für alle gleich. Allgemeinbildung meint das, was alle angeht. Allgemeinbildung ist auf die Ausbildung der Gesamtheit der Potentiale gerichtet, die dem Menschen in seiner gesellschaftlichen Natur angelegt sind.
Allgemeinbildung als Bildung für alle bedeutet nicht Gleichmacherei, sondern Voraussetzung für Chancengleichheit in der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben (an der gemeinsamen vorsorgenden Verfügung über die eigenen Lebensbedingungen). Sie bedeutet auch nicht, dass alle exakt das Gleiche lernen. (Nicht alle müssen z.B. genau die gleichen Bücher gelesen haben. Aber ihre Leseerfahrung muss vergleichbar bzw. gleichwertig sein. Insbesondere sollen alle über die gleiche Lesekompetenz verfügen.)

Allgemeinbildung als das, was alle angeht, heißt: Gegenstand der Bildung ist die Welt in der wir leben. Wo kommt sie her? Wie ist sie so geworden, wie sie ist? Wie sieht es mit unserer Umwelt aus? Können wir sie noch retten? Wie funktioniert unsere Gesellschaft? Wie leben wir und möchten wir so oder anders leben? Welchen Beitrag kann ich zum gesellschaftlichen Leben leisten? Welche Beiträge leisten andere? Wo finden wir Informationen? Wie können wir Informationen beurteilen? usw. usw. Es geht also darum, zu verstehen was die Welt im Innersten zusammenhält. Daraus ergeben sich viele Fragen, die Gegenstand von Unterrichtsfächern (naturwissenschaftlichen, sozialwissenschaftlichen, individualwissenschaftlichen, sprachlichen, musischen usw.) oder fächerübergreifendem, projektorientierten Unterricht sein könnten.

Damit kommt man auch zur Allgemeinbildung als Ausbildung menschlicher Potentiale. Hier gibt es mehrere Möglichkeiten. Mir persönlich erscheint es erstrebenswert, den Fachunterricht ganz abzuschaffen und statt dessen fächerübergreifende Unterrichtsprojekte zu entwickeln, die in ihrer Gesamtheit gewährleisten, dass alle Basiskompetenzen, wie Lesen, Schreiben Rechnen, Medienkompetenz, Methodenkompetenz, kulturelle Kompetenzen usw. so entwickelt werden, dass ein Transfer in alle Bereiche des gesellschaftlich-historisch entstandenen Wissen gewährleistet und gleichzeitig die Basis für kreative Weiterentwicklung dieses Wissens gegeben ist. An der Planung dieser Projekte sollten die Schülerinnen und Schüler beteiligt sein. Wenn sie mitbestimmen können, was sie lernen möchten, werden sie mit absoluter Sicherheit mehr lernen, als wenn sie mit Lernstoff konfrontiert werden, dessen Sinn sie nicht erkennen können.

Schülerinnen und Schüler sollen nicht etwas lernen, was sie vielleicht später einmal benötigen könnten vielleicht aber auch nicht, sondern möglichst das, was sie unmittelbar oder in für sie erkennbarer, absehbarer Zeit benötigen. Außerdem soll die Schule keine auf das Lernniveau von Schülerinnen und Schülern didaktisch reduzierte Hochschule sein. Vorratslernen erscheint mir daher genauso unsinnig wie Abbilddidaktik.

Unsere Hochschulen und besonders die Universitäten sind kein pädagogisches Vorbild, an dem die Schule sich orientieren kann. Bis heute haben die es nicht geschafft Lehrstühle für Hochschuldidaktik einzurichten, weil man Angst davor hat, dass die didaktisch und methodisch weitgehend unbegründete „Freiheit von Forschung und Lehre“ auf den Prüfstand gelangen könnte. Und es würde dann mit Sicherheit festgestellt, dass diese Lehre sehr oft vollkommen unprofessionell konzipiert ist. Für die Hochschulen wäre ein Projektstudium vermutlich auch angemessener als die heutige Lehre. In der Praxis arbeiten Menschen ja auch in Projekten und nicht als isolierte Einzelwesen. Außerdem sind die Studieninhalte (von z.B. Diplomphysikern) verschiedener Hochschulen bei weitem nicht gleich. Wenn man sie vergleicht, so findet man sicher viele Gemeinsamkeiten, aber auch viele Unterschiede. Wieso sollte es daher nicht möglich sein, Studienprojekte so zu konzipieren, dass die für alle gleichen Grundlagen dabei gelernt werden. Außerdem wird interdisziplinäre Zusammenarbeit immer wichtiger und die funktioniert vermutlich auch am besten in gemeinsamen Projekten.

Wenn wir freie Medien behalten wollen, ist es wichtig, den Schülerinnen und Schülern Medienkompetenz zu vermitteln. Das betrifft sowohl das Auswählen von Medien für die Arbeit, das Spiel, die Unterhaltung, die Information, das Lernen usw. wie auch die Beurteilung von Medien hinsichtlich deren Wirkung und deren kritische Bewertung. Kompetenter Umgang mit Medien ist heute so wichtig, dass er manchmal neben Lesen, Schreiben und Rechnen als vierte Kulturtechnik bezeichnet wird. Insbesondere sind Medien in nahezu jedem Lernprozess wichtig und zwar sowohl alte (Bücher, Filme, Kassetten, Hefte, Schreibgerät, Experimentiergerät, Anschauungsmaterial, usw.) als allmählich zunehmend auch neue (Lernsoftware, Softwarewerkzeuge, Internet, CD usw.) Medien.

Für das schulische Lernen sind erheblich kleinere Lerngruppen (im Sinne von Klassen) nötig. Das bedeutet Ausbildung und Einstellung von viel mehr Lehrerinnen und Lehrern. Lerngruppen sollten nicht größer als 10 Personen sein, sondern eher noch kleiner. Durch Schaffen von guten Lernumgebungen, sollten Schülerinnen und Schüler viel mehr Möglichkeiten zum selbstständigen Lernen erhalten. Die Rolle der Lehrerinnen und Lehrer verändert sich dabei erheblich. Sie werden Lernberaterinnen und Lernberater. Frontalunterricht wird zurückgedrängt und man kann sich als Lehrkraft häufiger mit einzelnen Schülerinnen und Schülern beschäftigen. Dieses fördert den Lernprozess viel besser als der herkömmliche Unterricht in unseren Schulen.

Wenn Schule so umgestaltet wird, gibt es keinen Bedarf mehr für Privatschulen. Deren Methoden und Konzepte sollten dahingehend überprüft werden, inwiefern sie in die normale Schule übernommen werden können.

In einer Übergangszeit muss man allerdings einige Abstriche von zu hohen Ansprüchen machen. Das betrifft vor allem die Kompetenz der Lehrkräfte. Da neue Lehrerinnen und Lehrer auszubilden ca. 10 Jahre dauert, müssen für die Zwischenzeit Lehrkräfte eingestellt werden, die zwar in fachlicher Hinsicht geeignet sind, die aber eine minimale pädagogische Qualifikation, durch begleitende Fortbildungsmaßnahmen erhalten müssen.

Die Lehrerausbildung an der Hochschule sollte so stark mit der Praxis verbunden werden, dass eine Referendarzeit nicht mehr nötig ist. Allerdings muss Lehrerfortbildung in viel höherem Maße stattfinden als es heute üblich ist. Lehrerfortbildung gehört zur Lehrertätigkeit, wie Lernen zur Schule.

Hochschulen müssen eine Hochschuldidaktik entwickeln, die sich jeder aneignen muss, der an einer Hochschule lehren will. Für schon tätige Hochschullehrer und Hochschullehrerinnen müssen entsprechende Fortbildungen angeboten werden.

Die Veränderung und laufende Anpassung des Bildungswesens an die jeweiligen Bedürfnisse unserer Gesellschaft ist eine ständige Aufgabe. Daher ist regelmäßige Fortbildung der Lehrenden in allen Bereichen des Bildungswesens notwendig. Dementsprechend müssen auch Fortbildungseinrichtungen erhalten und ausgebaut werden, denen diese Aufgabe zukommt.

Um die Verzahnung der verschiedenen Bereiche des Bildungswesens zu gewährleisten, sollte als Prinzip gelten, dass diejenigen die pädagogische Theorien lehren, den Lernenden die zugehörige pädagogische Praxis zeigen können. Bezogen auf Lehrerausbildung und Hochschullehrerausbildung heißt das: Wer Lehrerinnen und Lehrer ausbilden will, muss selbst eigenen Unterricht oder eigene Lehre demonstrieren. Und das kann nur, wer selbst unterrichtet oder lehrt. Und nur so kann auch eine fruchtbare Weiterentwicklung von pädagogischer Theorie und Praxis gewährleistet werden.

Überdacht werden muss noch der Bereich der beruflichen Bildung. Die duale Bildung (betriebliche Ausbildung einerseits und schulische andererseits) erweckt zwar den Anschein der Verbindung von Theorie und Praxis. In Wirklichkeit verstehen oft die Lehrenden am Berufskolleg nur wenig von der betrieblichen Praxis, mit der die Lernenden konfrontiert sind. Außerdem verändern sich Berufe heute oft in sehr kurzer Zeit (technische Zeichner die statt mit dem Zeichenbrett heute mit Computerprogrammen ihre Arbeit verrichten) oder verschwinden ganz, wie Dreher oder Setzer. Viele Menschen haben schon mehrere Berufe (oder Jobs) ausgeführt, was zeigt das der Beruf heute nicht mehr den Stellenwert hat, den er in unserer Gesellschaft im vergangenen Jahrhundert noch hatte. Berufswechsel wurden durch verhältnismäßig kurze Umschulungen möglich, wodurch die berufliche Bildung ja eigentlich in Frage gestellt wird. Allerdings könnte es sein, dass sich im Zuge der Verlagerung der gesellschaftlichen Arbeit in den Dienstleistungsbereich (Versorgung, Gesundheit, Betreuung, Bildung, Kultur, Kommunikation usw.) wieder dauerhafte Berufe ergeben, die sich zwar laufend verändern aber nicht verschwinden werden. Dafür müssten Bildungskonzepte bzw. Ausbildungs- und Weiterbildungskonzepte entwickelt werden.

 

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